Jean Liedloff - Vortragsreihe
Kontinuum-Konzept
31. August 1995, Kindergarten-Symposion,
A-3100 St. Pölten
6.-8. September 1995, Bio-Haus Walsberg,
A-3264 Gresten, +43(7485)317
von Wolfgang A. Orlik
Als Autorin des erfolgreichen Buches "Auf der Suche
nach dem verlorenen Glück" hat Jean Liedloff im Herbst 1995
verschiedene europäische Länder besucht und hier Vorträge
gehalten und Seminare veranstaltet. Die in St. Pölten und Gresten
(Niederösterreich) gehaltenen Vorträge wurden sinngemäß
zusammengefaßt und in strukturierter Form nachstehend wiedergegeben.
Jean Liedloff - eine Psychotherapeutin aus den USA - hat
in mehreren Expeditionen südamerikanische Yequana-Indianer besucht
und war von deren Glücksfähigkeit und Harmonie fasziniert. Sie
hat die Grundlagen dafür studiert und sie mit den Verhaltensweisen in
der westlich zivilisierten Welt und deren Auswirkungen verglichen. In
ihrem Buch beschreibt sie ihre Erfahrungen mit den Indianern und faßt
deren Lebensweise als Kontinuum-Konzept zusammen.
Kontinuum-Kinder und -Menschen zeichnen sich durch
verschiedene Merkmale aus. Sie sind ausgeglichen und fröhlich, stets
zufrieden und glücklich, und ohne innere Aggressionen. Sie streiten
nicht und haben wenig Konflikte, im Gegensatz z.B. zu der Gier unserer
Kinder und Erwachsenen nach Gewalt (im Fernsehen), die einer inneren
Aggression in uns entspringt. Jean Liedloff hat Yequana-Kinder nie
streiten gesehen, Babys haben auch nie geschrien, höchstens kurz
gewimmert. Die Babys wurden 24 Stunden am Körper getragen, auf der Hüfte
(an einer Hand baumelnd oder am Bein schaukelnd). Es bestand immer und bei
allen Tätigkeiten Körperkontakt. Die Babys wurden oft auch von
anderen Frauen und Kindern getragen, sodaß die Mutter entlastet
wurde. Yequana-Babys haben auch keine Drei-Monats-Koliken, die bei unseren
Babys als normal und unvermeidlich angesehen werden.
Die weit verbreitete Einstellung zu Kindern in der
westlich zivilisierten Welt ist oft folgende: Kinder brauchen Disziplin.
Jungen werden immer Jungen bleiben, auch wenn sie aggressiv sind. Babys müssen
in eigenen Bett schlafen. Was wir (westlich zivilisiert) als normal
bewerten, ist oft nicht normal im Sinne der menschlichen Natur. Unser
Instinkt wird unterdrückt durch vermeintliches Fachwissen der
Experten. Je mehr wir wider die Natur handeln, desto "unwohler"
werden sich alle fühlen.
Was aber tun wir ? Wenn ein Baby geboren wird, nach der
Geburt, in der Familie, im Kindergarten, in der Schule, behandeln wir
Kinder meistens entgegengesetzt der Natur. Mütter unterdrücken
ihren natürlichen Instinkt und lassen sich zusehr von vermeintlichen
Ratgebern zu Handlungen gegen die Babys verleiten. Mangelnder Körperkontakt,
mangelndes Vertrauen und unkontrolliertes Disziplinieren sind für
eine gesunde Entwicklung des Kindes abträglich. Wenn in den ersten 12
Monaten eine sogenannte Erziehung durch Diziplinierung (z.B. Schreien
lassen) vorherrscht anstelle einer ausschließlichen Erfüllung
aller Bedürfnisse des Babys, nehmen die Kinder an der Persönlichkeit
Schaden. Oft zollen wir den Kindern nicht den gebührenden Respekt.
Nicht zuletzt unterbindet unsere Bildungssystem natürliches Lernen.
Jean Liedloff spricht in ihren Vorträgen von verschiedenen
Empfehlungen, die für das Kontinuum-Konzept bedeutend sind:
1. Habe Respekt, für das Kind, für die Natur, für
Dich selbst.
- Versuche das Richtige instinktiv herauszufinden, und handle danach.
- Sei geduldig mit Dir, mit dem Baby und allen anderen Personen und
Situationen.
- Glaube Deinem unverbildeten Instinkt, und nicht den vermeintlichen
Fachleuten.
- Glaube Deinem Baby, wenn es schreit, und nicht irgendwelchen
Experten.
- Das Baby ist ein größerer Experte als alle Fachleute (sein
Instinkt ist unverbildet). Wir behandeln das Baby allzu oft wie einen
Feind (Schreien lassen, etc.)
- Wenn Babys in die Wiege, das Bett oder den Kinderwagen abgelegt
werden, beginnen sie oft zu schreien. Das ist eine natürliche
Reaktion, weil sie die körperliche Nähe zum lebendigen
Menschen suchen. Wir erwarten von den Babys aber, daß sie alleine
liegen sollen und lassen sie alleine in der Wiege oder im Kinderwagen
liegen, auch während des Tages. Wir erwarten auch, daß sie
sich zudem still verhalten sollen, und wir versuchen, sie still zu
halten durch wenig geeignete Maßnahmen wie z.B. Schaukeln in der
Wiege oder im Kinderwagen, anstelle sie an den Körper zu nehmen.
- Wenn Tierbabys schreien, akzeptieren wir, daß die Tiermutter zu
den Babys kommt. Nur bei unseren Babys glauben wir, sie (wider die
Natur) schreien lassen zu müssen.
- Tip für Baby-Schreien stoppen: mit gespitzten Lippen ins Ohr
zischeln, Luft schnell raus und rein blasen.
- Respektiere die Natur und die menschliche Natur. Disziplin und
Kooperation beim Kind werden sich dann einstellen, ohne diese fordern
oder anlernen zu müssen.
2. Vermittle dem Baby / Kind stets das Gefühl, "wertvoll
" und "willkommen" zu sein.
- Mache nichts (sagen, spüren lassen; verbal oder nonverbal), was
dem Kind das Gefühl vermittelt: Ich bin nicht "richtig";
Ich bin falsch (im Sinn von 'nicht den Erwartungen entsprechend'); Ich
bin schlecht; Ich bin böse, etc.
- Schelte und diszipliniere Dein Kind nicht (denn dies bedeutet: "Du
bist schlecht; Du bist nicht "richtig"), sondern ignoriere
Fehlverhalten und dramatisiere nicht. Lebe das gewünschte Verhalten
vor, denn Kinder wollen nichts anderes als nachmachen, um Mitglied der
Gruppe zu werden.
- Das Kind glaubt bedingungslos, was Du über das Kind sagst und
vermittelst (Gutes, wie auch Schlechtes). Es glaubt Dir mehr als sich
selbst. Eltern sind in den Augen der Babys absolute und höchste
Autoritäten. Alles was Eltern sagen und tun, wird vom Baby als
richtig anerkannt. Das eigene Verhalten wird als falsch bewertet oder
angezweifelt. Babys schreien und drücken damit aus: "Bitte
halte mich". Die Mutter aber sagt: "Sei ruhig" und
vermittelt damit dem Baby das Gefühl: "Ich mag meine Mutter,
aber sie mag mich nicht." Dies bewirkt, daß sich Babys falsch
fühlen, denn die Mutter hat ja als Autorität recht. Und dieses
gegen sich selbst gerichtete Gefühl wirkt bis ins Erwachsenenalter
hinein.
- Das Wichtigste ist, das Kind soll an sich selbst glauben (können).
- Der Einfluß der Eltern ist wesentlich stärker als die
Umgebungseinflüsse (Großeltern, Nachbarn, etc.), die
eventuell nicht entsprechend den Kontinuum-Empfehlungen handeln. Habe
Geduld mit anderen Personen, die entsprechend Ihrer Prägung,
Eltern- und Kindheitserfahrung Dein Kind anders behandeln. Versuche,
ihnen langsam die Kontinuum-Empfehlungen nahezubringen.
- Auch wenn nur eine (1) nahestehende Person dem Kind zeigt, daß
es "richtig" ist, ist dies ausreichend für eine gute
Entwicklung. Ideal wäre natürlich, wenn die ganze soziale
Umgebung nach Kontinuum-Empfehlungen handelt.
- Der Mensch soll sich stets wertvoll und willkommen fühlen, als
Baby wie als Erwachsener. Die meisten Menschen in der zivilisierten Welt
empfinden in unterschiedlicher Ausprägung, daß sie nicht gut
genug sind, daß sie nicht "richtig" sind. Wer sich
selbst nicht gut fühlt, wer sich selbst nicht mag, der wird sich
auch antisozial verhalten.
- Wir behandeln unsere Babys und Kinder oft unangemessen. So wie wir
Babys und Kinder behandeln, können sie sich nicht willkommen und
wertvoll fühlen, denn wir tun ihnen Gewalt an. Sogar in besten
Familien lassen sich die Eltern von Experten dreinreden, wie Kinder
wider die Natur zu erziehen sind.
- Trotz intensivem Bemühen schreit das Baby oft noch immer.
Dadurch fühlen sich viele Eltern nicht "richtig" bzw.
schuldig und werden verkrampft ("Ich mache alles für das Baby
und trotzdem schreit es. Ich mache es nicht gut genug"). Dies überträgt
sich auf das Kind, was dessen Schreien noch verstärkt. Die Ursachen
dafür liegen oft in der eigenen Kindheit begründet, beim
damaligen Verhalten der eigenen Eltern. Wir wurden von unseren Eltern
dazu gebracht, uns schlecht / unrecht / nicht in Ordnung / falsch zu fühlen.
"Bleib da", "Bleib stehen", "Hör auf zu
schreien", "Sei ruhig" - von Geburt an richten sich
Eltern gegen Kinder, gegen die Natur. Aber jeder Mensch ist auf seine
Weise "richtig" und wertvoll, doch die meisten Menschen
zweifeln an sich selbst und haben Schuldgefühle, weil ihnen in der
Kindheit eingetrichtert wurde, daß sie nicht "richtig"
sind.
- Wenn Kinder von Eltern schlecht behandelt werden, kann dies oftmals
von den eigenen Verletzungen in der eigenen Kindheit stammen, und das
'Baby im Erwachsenen' sagt: "Zuerst will ich
zufriedengestellt werden und dann erst soll das Baby etwas davon kriegen".
Oder: "Wenn ich es (Liebe, Nähe, Respekt, etc.) nicht gekriegt
habe, soll auch mein Baby dies nicht kriegen". Ein Lösungsansatz
wäre: Dem Kind "experimentell" all jenes geben, was man
selbst gerne bekommen wollte (Liebe, Nähe, Körperkontakt, eine
korrekte Mutter-Kind-Beziehung, etc.). Die Umwandlung der falschen
Einstellung kann sich dann leichter vollziehen.
3. Ermögliche Deinem Baby (im Idealfall) 24 Stunden Körperkontakt,
zumindest solange das Baby nicht krabbelt.
- Trage Dein Baby den ganzen Tag am Körper (im Arm, im Tragetuch,
Schlafen im Bett bei den Eltern, etc.). Auch andere Personen sollen Dich
dabei unterstützen.
- Nicht nur in der ersten Stunde nach der Geburt ist der intensive
(Haut-)Körperkontakt mit der Mutter für die Entwicklung des
Babys wichtig (Bonding), sondern aus dem gleichen Grund ist dieser Körperkontakt
natürlich auch im gesamten folgenden Lebensabschnitt von
grundlegender und elementarer Bedeutung. Dies wird aber von den "Experten"
und allen "wohlmeinenden Ratgebern" (Großeltern, Ärzte,
Industrie , Werbung, etc.) nicht erkannt. Die Folgen des Alleinseins
(Brutkasten, Kinderzimmer, Milchfertignahrung anstelle Stillen,
im Gitterbett liegen, alleine schlafen lassen, schreien lassen,
Kinderwagen fahren, künstliche Musik anstelle der mütterlichen
Herztöne, Laufstall, etc.) hat das Baby sein Leben lang zu
ertragen.
- "Rooming In" (mit Baby-Bett neben dem Mutter-Bett) ist
unzureichend: die Mutter weiß, wo das Baby ist, aber das Baby weiß
nicht, wo die Mutter ist.
- Ein Baby soll in der Tragephase (ca. 12 Monate) alle Bedürfnisse
erfüllt bekommen, denn es soll sich zu 100% willkommen fühlen.
Die vollständige Erfüllung der Bedürfnisse in einer
Entwicklungsstufe ist die Voraussetzung für das "gesunde"
Erreichen des nächsten Entwicklungsschrittes. Ein Kind wird dadurch
ausgeglichener werden und nicht neidisch sein. Es wird eher von sich aus
teilen und in natürlicher Weise kooperativ sein als jenes Kind,
welches unerfüllte Bedürfnisse hat.
- Fühle Dich "richtig" und "o.k.", wenn Du das
Baby trägst. Fühle Dich nicht schuldig in irgendeiner Form
dabei. Heiße das Baby willkommen, laß es sich wertvoll fühlen.
- Seitliches Tragen ist sinnvoll, denn dabei kann das Baby alles
beobachten und daraus lernen.
- Bewege Dich viel mit dem Baby, auch wenn es schläft (ins Freie
gehen, laufen, tanzen).
- Jeder Mensch muß Energie entladen (z.B. durch Bewegung, Sport,
Sex, Arbeit, Tanzen, Hektik, etc.). Ein Säugling hat aber noch
keine Möglichkeit (solange er nicht krabbelt), diese Energie durch
Bewegung (außer zappeliges Strampeln) zu entladen, hat dies aber
auch notwendig. Beim Tragen des Babys am Körper und durch
gemeinsames schnelles Bewegen kann die Mutter über das gemeinsame
Energiefeld (durch Körperkontakt) die Energie für beide
entladen. Mittelfristig ist dies ein wesentlicher Beitrag für ein
ausgeglichenes Kind.
- Verrichte alle Deine Tätigkeiten in normaler Weise gemeinsam mit
dem Baby, so als wäre das Baby gar nicht an Deinem Körper.
Allzu sorgsames Tragen und Handhaben zeigt dem Baby: "Ich bin
zerbrechlich".
- Laß das Baby immer am Geschehen teilhaben. Das Baby sollte überall
dabei sein (mitten im Geschehen), um soviel wie möglich von seiner
Umgebung und seinen Bezugspersonen zu lernen.
- Richte Deine Tätigkeiten und Handlungen auf die Erwachsenenwelt
aus, und nicht in besonderer Form abgestimmt auf das Baby. Das Baby soll
die normale Erwachsenen-Welt kennenlernen und nicht eine auf das Baby
konzentrierte Welt.
- Laufe nicht hinter dem Baby her, sobald es krabbeln bzw. laufen kann,
und konzentriere Dein Handeln nicht auf das Baby. Das Baby selbst wird
hinter der Mutter herlaufen, denn es möchte nicht allein, sondern
Teil der Gruppe und mitten im Geschehen sein.
- Was gut ist für das Baby, ist auch gut für die Mutter (so
sollte es zumindest sein, wenn der Natur entsprechend gehandelt wird).
Umgekehrt, was gut ist für die Mutter, ist auch gut für das
Baby. Der Alltag mit dem Baby sollte Freude spenden, und kein Kampf
gegen das Kind sein.
4. Habe Vertrauen und Zutrauen zum Baby / Kind.
- Vertraue auf die Fähigkeiten Deines Babys / Kindes.
- Was wir erwarten, wird auch eintreten (positiv wie auch negativ).
- Erwarte von Deinem Kind, daß es "gut" ist, und es
wird "gut" sein. Belobige besonderes Verhalten nicht, sondern
erwarte ganz einfach vertrauensvoll gutes Verhalten als Normalität.
- Übertrage dem Kind mit Vertrauen viele Aufgaben. Wenn das Kind
verweigert, ignoriere die Verweigerung und erledige die Aufgabe selbst.
Durch die Ausgrenzung wird das widerspenstige Kind die
Bedeutungslosigkeit seines Handelns erkennen.
- Gib Deinem Kind die Chance, seine Welt eigenständig in seinem
eigenen Rhythmus zu erfahren.
- Unterbrich bzw. beende nicht unnötig sein Spiel oder seine
Handlungen.
- Hilf Deinem Kind nicht unnötig, interveniere nicht unnötig
(außer bei Gefahr im Verzug).
- Wenn dem Kind kein Zutrauen geschenkt wird, wird es kein
Selbstvertrauen entwickeln. Ein ewiges "Paß auf !" ist
schädlich und hinderlich für die Entwicklung des
Selbstvertrauens.
- Ein Beispiel: Ein circa 18 Monate altes Kind klettert auf
eine sehr schmale Mauer zwischen einem Kinderschwimmbecken und dem
tiefen Becken. Jean bittet die anwesenden Personen, nicht helfend
einzuschreiten, nicht direkt hinzusehen und dem Kind keine
offensichtliche Aufmerksamkeit zu schenken. Das Kind blickt sich um, ob
jemand schaut. Da dies nicht der Fall ist, klettert es für seine
Verhältnisse sicher auf der schmalen Mauer weiter bis hin zu einem
Springbrunnen, an dem es sich aufrichtet. Als es wieder auf der schmalen
Mauer mitten im Wasser umkehrt und ohne ins Wasser zu stürzen zurückklettert,
nähert sich die nervös wirkende Mutter. Als das Kind die verängstigte
Mutter erblickt, gibt es sein sicheres Verhalten auf, ruft "Oh
Mammi" und läßt sich hilflos in die Arme der Mutter
fallen.
Erklärung: Das Baby glaubt der ängstlichen Mutter mehr
als sich selbst (die Eltern sind die größte Autorität für
das Kind), verliert plötzlich beim Anblick der Mutter das ihm
eigene Selbstvertrauen und fällt in das Verhalten eines früheren
und damit unsichereren Entwicklungsstadiums zurück (Regression = rückläufige
Entwicklung). Es traut sich seine eigene bisher erworbene Fähigkeit
und Verantwortung plötzlich nicht mehr zu.
Schlußfolgerung: Wenn eine Bezugsperson nervös und
unsicher agiert, kein Zutrauen in das Kind hat und damit dem Kind
vermittelt, "Du schafftst es nicht", glaubt auch das Kind, das
es für die zu bewältigend Aufgabe unfähig ist. Das Kind
wird sich nicht trauen, läßt sich fallen oder wird stürzen,
es fällt in einen Hilflosen-Zustand. Wenn ein Kind Neues erforscht
oder erprobt, schaut das Kind oftmals zur Aufsichtsperson zurück
und erfragt dadurch "Wie soll ich mich fühlen?". Eine ängstliche
und allzu beschützende Aufsichtsperson wird dabei das Kind immer
hemmen, seine Fähigkeiten zu erweitern.
- Wenn das Kind stürzt oder sich anschlägt, dem Kind keine
Aufmerksamkeit bzw. Bühne geben (solange es vertretbar ist). Das
Kind soll selbst die Verantwortung für sein Verhalten bzw. seine
Sicherheit übernehmen. Oftmals schaut ein Kind erst um Zuschauer,
bevor es dann zu weinen beginnt.
5. Tue nichts für das Kind, was es selbst tun kann (in
liebevoller und konsequenter Haltung).
- Es ist für den Lernprozeß des Kindes sehr hinderlich, es
beständig zu unterstützen, ihm behilflich zu sein, es übermäßig
zu schützen. Dies raubt ihm die Möglichkeit, Erfahrungen zu
machen bzw. bestimmte Bedürfnisse zu erfüllen. Auch wenn eine
Handlung durch bewußtes Nichthelfen länger dauert, macht es
nichts, denn so lernt das Kind und macht seine Erfahrungen.
- Das Kind soll Fehler machen dürfen, es soll die Lösungen
selbst herausfinden.
- Ein Beispiel aus der Tierwelt: Jean hat kleinem Babyaffen
eine Banane abgeschält, um ihn zu füttern. Der Affe hat die
Banane zur Hälfte gegessen. Sobald der erste Hunger gestillt war,
hat der Affe dann aber die restliche Banane in ein im Käfig
liegendes Papier gewickelt, und ist danach im Käfig herumgelaufen. "Plötzlich"
hat er die eingewickelte Banane freudig "entdeckt", sie
ausgepackt, abgeschält und fertiggegessen.
Erklärung: Zuerst hat der Affe begierig den Hunger
gestillt, danach aber auf seine Weise seine anderen Bedürfnisse
gestillt, nämlich Nahrung suchen (Jagen), Nahrung finden (Sammeln),
sie schälen und danach essen. Handlungen befriedigen scheinbar oft
nur ein (1) Bedürfnis, in Wirklichkeit aber oftmals viele. Durch
z.B. beschützende Intervention, Störung, Unterbrechung beim
Spielen (= Lernen) verhindern wir bei unseren Kindern eine
mehrschichtige Erfahrungssammlung.
Schlußfolgerung: Das Kind soll selbst seine Möglichkeiten
und Fähigkeiten erproben dürfen, auch wenn es Fehler macht und
zuerst vielleicht an der Aufgabe bzw. am Vorhaben scheitert (beim
Krabbeln, Gehen lernen, Umwelt erforschen lernen).
- Laß das Kind nicht die Kontrolle über Dich bekommen.
Kinder versuchen laufend, die Grenzen zu erforschen. Zwar mit Liebe und
Achtung, aber mit Nachdruck seine ungebührlichen Wünsche
ablehnen. Deine bisherige Handlung einfach ruhig weiterführen
(kontinuierlich und unbeeinflußt), ohne das Kind um eine
Entscheidung zu bitten (das Kind darf nicht der Boß sein).
Trotzdem durch Berührung oder freundlichen Blickkontakt dem Kind
zeigen, daß es willkommen ist, ohne Deine eigentliche Handlung zu
unterbrechen.
- Laß Dich später nicht vom Kind für seine Interessen
einspannen (z.B. stellvertretendes Austragen eines Streites mit anderen
Kindern, etc.)
- Laß die Kinder allein, wenn sie streiten, und gehe weg (soweit
keine Gefahr in Verzug ist). Ergreife nicht Partei, denn sie sollen den
Konflikt selbst regeln. Kinder wollen oft, daß Erwachsene etwas
(die Konflikte) stellvertretend für die Kinder erledigen und für
die Kinder kämpfen sollen. Die Kinder sollen sich selbst
arrangieren.
- Bei Spielen mit Gewalt, mit Waffen und Kriegsspielzeug: Beobachte die
Motive und den Gesichtsausdruck beim Spielen. Wenn Zorn und Aggressivität
erkennbar sind, deutet dies auf innere Aggressivität hin.
Andernfalls ist das Kriegsspiel die Imitation einer bestimmten Form
eines Spiels ohne Aggressivität.
6. Diszipliniere Dein Kind nicht unnötig.
- Um in unserer Gesellschaft zu funktionieren, wird im Rahmen der
Erziehung durch Taktik, Verhandlung, Drohung, Bestechung, Strafe gegen
unsere vermeintlich normale, unsoziale und undisziplinierte Art
vorgegangen. In Wirklichkeit sind wir Menschen von Geburt an und von
Natur aus zutiefst sozial. Wir müssen nicht durch sogenannte
Erziehung sozialisiert werden. Die Ursache, warum unsere Kinder oft so
unsozial wirken und agieren, was den Eltern das Leben so schwer macht,
liegt in der Babyzeit. Wenn Babys schreien, wollen sie aufgenommen und
gehalten werden. Sie brauchen körperliche Nähe, bei Tag und
bei Nacht. Ungestillte Bedürfnisse bewirken ein unausgeglichenes
Gefühlsleben und Verhalten.
- Disziplin muß nicht ausdrücklich vom Kind gefordert
werden, es genügt, wenn man erwartet, daß sich das Kind
diszipliniert und sozial verhält, und es wird sich so verhalten.
Kinder verhalten sich oft deswegen unsozial, weil sie merken, daß
wir ihr unsoziales Verhalten insgeheim erwarten. Ein Beispiel: "Heb
sofort deine Spielsachen auf !" Der Tonfall teilt dem Kind mit, daß
man das Befolgen der Aufforderung gar nicht erwartet. Es entsteht ein
Spiel, das Kind testet, wie oft es die Mutter zum Wiederholen bringen
kann. Ein Kind weiß genau, wie es die Erwachsenen dazu bringt,
sich zu wiederholen.
- Eine Aufforderungen an das Kind immer nur 1 mal sagen, niemals mehr
als 1 mal. Die Aufforderungen nicht vorwurfsvoll aussprechen. Wenn das
Kind nicht kooperiert bzw. es die Anweisung nicht befolgt, soll man
dieses Verhalten ignorieren. Entweder ohne Kommentar (schimpfen,
erklären, schelten, strafen) und ohne Gefühlsregung
(Wut, Ärger) das Aufgetragene selbst durchführen, oder etwas
ganz anderes machen. Damit wird das Kind außerhalb des Geschehens
gestellt und durch die eigene kommentarlose Erledigung wird seinem
Widerstand (Spiel) die Bedeutung und Wichtigkeit genommen. Da ein Kind
sehr sozial ist, kann es diesen Ausschluß nicht ertragen, und es
wird zukünftig eher folgen. Das Kind wird bald erkennen, daß
man nie etwas mehr als 1x sagt. Es wird außerdem erkennen, daß
sein Widerstand keine Reaktion zur Folge hat (das Spiel nicht spielen),
damit wird dieses Verhalten uninteressant.
- Ignoriere Protest-Schreien, Widerstand und Weinen und erledige ruhig
und entschlossen erforderliche Verrichtungen, auch wenn das Kind
rebelliert. Deine ruhige und konsequente, jedoch respektvolle und
aggressionslose Handlungsweise zeigt dem Kind, daß seine Spielchen
erfolglos sind. Dies bewirkt einen Erziehungsprozeß, und das Kind
wird beim nächsten Mal eher kooperieren.
7. Es liegt in der Natur eines Kindes, von sich aus zu lernen.
Es ist nicht natürlich, etwas zu
lehren.
- Meistens ist die Mutter in den ersten Jahren allein zu Hause beim
Kind. Die Isolation während des Tages ohne andere Personen ist
ungesund für alle, denn die mangelnde Kommunikation ist
frustrierend und bietet für alle zuwenig Anregung. Viel besser wäre
es, in einer Gemeinschaft von Erwachsenen und Kindern (Großfamilie,
Familiengemeinschaft) zu leben. Ein Zusammenschließen (gemeinsames
Arbeiten im Haus, Garten und Haushalt) und Verbringen der Zeit mit
anderen Müttern, Freundinnen oder Nachbarn wäre ebenso
sinnvoll. Die Kinder sollten herumlaufen können und dabei lernen.
Es entspricht nicht der menschlichen Natur, allein zu sein und keine
oder wenig Anregungen für Mutter und Kind zu erhalten. Es ist zwar
in unserer Gesellschaft sehr schwierig, Gleichgesinnte zu finden, aber
versuchen sollte man es trotzdem, um nicht allein bleiben zu müssen.
Mach Dir die Mühe und versuche, jemanden zu finden. Akzeptiere
nicht die Fadheit, die Einsamkeit und Schufterei durch die Isolation mit
dem Baby.
- In solchen Gemeinschaften kann das Kind in einer Gemeinschaft mit
vielen Erwachsenen aufwachsen und kann lernen, daß Erwachsene das
tun, was für sie angemessen ist. Es ist sehr wichtig, nicht dauern
auf das Baby konzentriert zu sein, sondern in der Erwachsenenwelt zu
leben, Erwachsenentätigkeiten zu verrichten und mit anderen zu
reden und zu lachen. Das Baby sollte mitten im Geschehen sein, aber
selbst nicht Zentrum der Aufmerksamkeit sein, während alltägliche
Tätigkeiten verrichtet werden. Das Kind entnimmt aus der
Erwachsenenatmosphäre entsprechend seiner Entwicklungsstufe all
das, was es braucht um zu lernen.
- Kinder lernen, ohne etwas gelehrt bekommen zu müssen (wie beim
Lernen der Sprache). Etwas Tun (wie sprechen) genügt, um es zu
erlernen. Nicht explizit lehren, wie z.B.: "Das ist ein Hund, und
der Hund bellt." (das Kind erwartet diese Form nicht). Sprich nicht
in der Babysprache mit dem Kind, sondern in der Erwachsenensprache.
Kinder nehmen alles selbsttätig auf, was sie hören. Eine
Fertigkeit korrekt vorleben genügt. Vertraue darauf, daß das
Kind durch Beobachtung der Erwachsenen selbsttätig alles ihm
entsprechende aufnimmt, ohne besondere Unterweisung. Natürliches
Lernen ist hören, sehen und nachmachen. Berichtige und korrigiere
nicht ständig das Kind, denn Kinder fühlen sich dadurch nicht "richtig".
Je geringer der Streß, desto besser lernt das Kind.
- Mit jedem Jahr der Entwicklung hilft das Kind immer mehr im Haushalt
mit und erfreut sich daran. Es ist dabei glücklich und macht alles
freiwillig mit gutem selbstsicherem Gefühl, ohne zur Mithilfe
gezwungen zu werden. Denn es liegt in der Natur des Kindes, zu helfen,
ohne um Hilfe gebeten zu werden. Aber das Helfen muß zugelassen
und unterstützt werden. Wenn die Führung des Kindes
entsprechend passend gestaltet war, leistet ein
4-jähriges Kind einen größeren Beitrag im Haushalt als
es kostet.
- Kinder wollen helfen und nachmachen, bedürfen aber keiner besonderen
Aufmerksamkeit, sobald sie etwas Neues oder Besonderes zustande gebracht
hat. Zeige kein ausgeprägtes Lob oder Begeisterung, sondern
betrachte diese Handlungen als "normal". Sonst kann der Fall
eintreten, daß die Kinder Handlungen der Belohnung und des Lobes
wegen durchführen und nicht wegen der Sache selbst. Unabhängig
davon ist positives Feedback und positive Unterstützung geeignet,
das Selbstvertrauen zu stärken.
8. Kindergarten und Schule:
- Die enge Verbundenheit des Kleinkindes mit der Mutter und dem Vater
ist für die Entwicklung sehr wichtig, aber in unserer Gesellschaft
werden Kinder mit 3 Jahren in den Kindergarten gegeben. Das Kind kann
dann nicht mehr die Arbeitswelt der Erwachsenen erleben. Die Kinder sind
im Kindergarten isoliert, denn der Kindergarten entspricht nicht der
realen Welt.
- Unsere Institutionen (Kindergarten und Schule) sind ungeeignet für
die menschliche Natur, denn sie sind begründet auf eine Annahme über
die menschliche Natur, die falsch ist. Auch die gesamte Gesellschaft mißversteht
die menschliche Natur der Kindes, denn das Kind ist von Natur aus ein
soziales Wesen.
- Das Prinzip ist deswegen grundsätzlich falsch, weil dieses
Prinzip kindzentriert ist, indem z.B. zwei Erzieherinnen bis zu 30
Kinder betreuen und ihnen verschiedene Beschäftigungen auftragen
(malen, zeichnen, spielen, etc.).
- Kinder sind von Natur aus erwachsenenzentriert. Sie wollen die
Erwachsenenwelt beobachten und das Verhalten kopieren. Es wäre
besser, wenn die Kinder in der Erwachsenenwelt leben dürften und
lernen, wie sich Erwachsene untereinander verhalten, und nicht, wie sich
Erwachsene den Kindern gegenüber verhalten (z.B. im Kindergarten).
- Auch unser Schulsystem müßte komplett umgestellt werden,
denn die Annahme, wie Kinder lernen, ist grundsätzlich falsch. In
dem Moment, wo wir dem Kind sagen: "Setz' Dich nieder, sei ruhig
und hör zu !" oder "Paß auf und lerne !",
verhindern wir damit den wahren Lernprozeß. Denn das Kind lernt
von Geburt an durch Beobachtung und Imitation.
9. Zusammenfassung und Ausblick:
- Wir selbst kreieren eine asoziale Gesellschaft. Wir beklagen uns über
die mißratene Jugend, über Menschen die nur ihren Vorteil
suchen, Kriminelle, Sexualattentäter, usw. Wir bauen immer mehr Gefängnisse
und stellen immer mehr Polizisten ein, anstelle das Übel an der
Wurzel zu packen.
- Was können wir dagegen tun: Achten wir die Natur und die Bedürfnisse
unserer Babys. Geben wir ihnen die Möglichkeit eines umfassenden Körperkontakts
als Zeichen der Geborgenheit. Zeigen wir ihnen stets, daß sie
willkommen, wertvoll und liebenswert sind. Seien wir Vorbild in einer
positiven Haltung. Haben wir Zutrauen zu den Fähigkeiten unserer
Kinder. Fördern wir die gesunde Entwicklung ihres Selbstvertrauens
und ihres Verantwortungsbewußtseins für sich selbst und die
Gesellschaft. Geben wir ihnen Raum, auf natürliche Weise zu lernen.
Achten wir die Persönlichkeit unserer Kinder genauso wie wir
Achtung von ihnen erwarten. Unsere Liebe soll sie nicht erdrücken.
- Zwei Dinge können wir unseren Kinder auf den Weg mitgeben:
Wurzeln und Flügel.
-------------------
Verhindertes Krabbeln hat negativen Auswirkungen auf dies
Sprachentwicklung (Stotterer sollen krabbeln, singen (Glenn Doman)
---------
Test welche ist die dominante Seite: zugespielten Ball mit einem Fuß
zurückkicken ( = dominanter. Fu0ß)
Daumen Zeigefinger bildet Ring, durchschauen, auf entferntes Detail,
Ring verkleinern , welches
Auge schaut = dominanter. ----------------
Wenn z.B. unsere Babys nach dem Trinken der Muttermilch bzw. der
Fertigmilch Verdauungsbeschwerden bekommen, betrachten wir dies als
normal. Mitunter werden Babys vom Körper der Mutter ferngehalten,
denn es könnte ja die Mutter anspeien. Eigenartigerweise bekommt nur
die menschliche Spezies vom Trinken der Muttermilch Koliken.
(c) Wolfgang A. Orlik, 1995
Herr Wolfgang Orlik war so nett, uns diese wunderbaren Zusammenfassung
zur Verfügung zu stellen. Es gibt einen kurzen, übersichtlichen Überblick
über die Thesen von Jean Liedloff, die nicht nur für Anfänger
nützlich sind. Auch Eltern die das Buch schon vor längerer Zeit
gelesen haben profitieren sehr von diesem Text. Sollten Fragen auftreten könnt
ihr euch mit Wolfgang in Verbindung sezten. Herzlichen Dank an Wolfgang!!
Wolfgang A. Orlik
Hauptstrasse 3 B
A-2751 Steinabrückl / AUSTRIA
Mobil: +43 / 664 / 415 33 00
FAX: +43 / 2622 / 42500-15
wolfgang.orlik@magnet.at
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